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Rüdigers Reportagen
Beitrag am 03.10.2005 um 19:30 von Rüdiger:

Bitte redet doch mit mir...

Ich gehe zum Friseur, langhaarig. Zu diesem Zeitpunkt hab ich wie üblich bereits mehrfach festgestellt, dass ich meine Haare ohne fremde Hilfe nicht mehr in eine gefällige Form bringen kann. Ich benötige professionelle Hilfe.

Nun sitze ich auf dem Stuhl und unheimlich laute Musik brüllt aus den Boxen und unheimlich seltsam gekleidete Menschen gleiten mit Scheren und Rasierapparaten und Gummibesen durch den Raum. Ich bin eingeschüchtert. Hier tragen alle Stricksocken über ihren Stiefeln. In denen wiederum stecken eng die Hosen fest. Die Mädchen haben grelle Wangen und Fingernägel bis dorthinaus; die Jungs tragen Gustav-mit-der-Hupe-Schirmmützen.

Niemand in diesem Raum hat nach meinen Maßstäben eine gefällige Frisur. Viele haben mehrere Haarfarben. Und das noch an einzelnen Haaren - wie wenn man aus einem Rasierpinsel eines der buntgescheckten Marderhaare herauszieht. Mein Gott, bin ich spießig.

Jemand sagt etwas. Ich bin verwirrt. Die Musik hämmert ja so. Wer spricht? Ein feistes Mädchen hat sich von hinten meinem Kopf genähert. Entschlossen beißt sie auf einem Kaugummi herum. "Wie möchtest du´s denn?", verstehe ich endlich. Nun sitz ich schön da: Zum Beschreiben von Frisuren fehlen mir die Kategorien. Die über 50 Inuit-Wörter für Schnee. Für Frisuren hab ich an Lokalisationsbezeichnungen: vorne, hinten, Seiten, Bart. Und an Modusvokabeln: kurz, lang, glatt, gelockt und ab.

Nach erneutem Umsehen schlucke ich meine Angst herunter und brülle: "Mach wie du meinst!"
Ich brüte vor mich hin. Verdammt, wenn es nur leiser wäre. Vielleicht könnte ich mich dann verständlich machen. In meiner Kindheit hat der nette Mann im Friseurladen mir eine Kladde mit Fotos gezeigt, aus denen ich auswählen durfte. Oft ist er sie mit mir durchgegangen.

Sie stellt Ihre Hüfte aus und sieht mich im Spiegel prüfend an. "Ist es ok, wenn ich für die Seiten die Maschine nehme?"
Ja bin ich denn Stylist? Oder Haarpfleger? Kann mir bitte einmal jemand sagen, ob es überhaupt einen Unterschied für mein späteres Erscheinungsbild macht, welches Werkzeug sie verwendet? Ein trauriger Teil von mir hätte gerne eine Schere gesehen. Ich bin doch beim Friseur! Aber was soll's? Ich zucke die Achseln. Sie zückt die Maschine.

Im Spiegel kann ich genau sehen, wie sie an den Aufsätzen nestelt. Das dauert einige Sekunden. Sie wippt auf die andere Seite ihrer Hüfte. Bauchfrei. Nicht sie, nur ihre Kleidung. Es zittert etwas nach, weil sie so entschlossen die Seiten gewechselt hat. Ihre Kaubewegungen werden schneller - sie denkt nach. Schließlich beugt sie sich wieder vor, kommt dicht an meine Wange und fragt: "Ist es ok, an den Seiten 11 mm, oben 13?"

Nachher sitz ich in einer Außengastronomie, kurzhaarig. Ein Mädchen kommt, und ich bestelle: "Bitte einmal vom Obergärigen, regionaltypische Sorte und mild gehopft, bitte. So 200 Milliliter bei 8 Grad, wenn's geht." Man, das hab ich mir verdient.

Beitrag am 13.09.2005 um 14:15 von Rüdiger:

Auf der Straße nach Süden - Bulgarien II

In Bulgarien sind Kerstin und ich immer Richtung Süden gefahren – nach üblicher Lesart also irgendwie ins Glück. Und je weiter wir kamen, desto munterer wurde alles. Ungefähr auf halbem Wege ins Glück liegt die Stadt Kiten. Wir stiegen hier aus einem Bus aus, gingen – Autoscooter, Würstchenbuden, Gaukler und Casinos passierend – die Hauptstraße hinunter und gelangten an den Beach. Dort schlugen wir einen eleganten Bogen um ein gärendes Dixie-Klo, aßen ein Stück mitgebrachter Wurst im Schatten und kehrten zurück, die Hauptstraße hoch, zum Busbahnhof.

Dort sprach man bulgarisch. "No Bus", versicherten uns freundliche Taxifahrer, und erleichtert setzten wir uns zum warten in den Schatten der Pinien und lauschten dem heimeligen Klang der schräpenden Zikaden. Doch der Zauber des Südens reichte – hier, auf halbem Weg – noch nicht, unsere aufgeklärten, deutschen Verstände zu zähmen. Bohrende Wissbegier trieb mich in die Schalterhalle des Busbahnhofes (eine Einrichtung, über die in ganz Bulgarien einzig die Stadt Kiten verfügt!).

Hier war ich richtig: Freundlich legte die Schalterbeamtin ihre Füße zurück auf den Schreibtisch und versenkte ihren betörenden Blick wieder in ihre Zeitschrift, nachdem ich mein Ansinnen auf Englisch, Deutsch sowie in Gebärdensprache vorgetragen hatte. Dann verharrte sie lesend. Schließlich winkte mich eine Kollegin heran, mehrere Schalter weiter. "Deutsch, Deutsch", rief sie dabei, um mich zu locken, "Deutsch, Deutsch!"
Ich ließ mich verzaubern und trat vor ihren Schalter. "B-u-s d-r-a-u-s-s-e-n", formulierte sie dann – und wies mit lackiertem Nagel nach der Tür.

Recht hatte sie, und so kamen wir tatsächlich viele Stunden und Busse später nach Achtopol. Dieser Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Stadt des Glücks. Puh. Das war er also, der Süden. In Achtopol war auch alles sehr, sehr glücklich. So gab es einen sehr alten Mann dort, in weißer, wallender Kleidung, wie Jesus. Er saß immer in der Dorfkneipe und konnte Deutsch sprechen. Wann immer jemand mit uns sprechen musste, holte er Jesus. Und der erschien – ganz gleich zu welcher Uhrzeit, ganz gleich an welchem Ort. Jesus war immer da und immer freundlich. Jesus besorgte uns auch eine Unterkunft.

Was sollten wir nun machen, in der Stadt des Glücks? Unsere Unterkunft war sehr beengend, deshalb waren wir meistens draußen glücklich. Oft aßen wir. Das war nicht immer leicht, denn Bulgaren essen anders als wir. Sie essen zum Beispiel erst die Pommes und dann eine Stunde später den Schaschlik dazu. Überhaupt: Pommes. Die essen sie gerne kalt und fettig. Am liebsten reiben sie dann noch Käse drüber. Und wenn sie fertig sind, bestellen sie Schnaps.

Am Straßenrand kann man Pizza kaufen. Die ist klein und wird in runden Förmchen gebacken. Es gibt sie mit Schafskäse und Paprika und auch mit Tunfisch oder Salami. Man isst sie traditionell mit Ketchup und Mayonnaise. Gefaltet, nicht gerollt. Man fragt sich, warum all die nackten Bulgarinnen so schlank sind.

In Bulgarien bekommt man als Ausländer keine Korkenzieher. Wir haben schon viele Tage eine Weinflasche herumgetragen, weil wir keinen hatten. Vielleicht gibt es darüber ein Gesetz. Es ist ein richtiges Spiel: Man geht in ein Geschäft und erklärt (Jesus kommt nur, wenn die Einheimischen ihn brauchen) mit Händen und Füßen und Mund ("Flopp!"), was man möchte. Die Bulgaren lächeln dann und schütteln aufgeregt den Kopf, was "ja" heißt, wohlgemerkt. Schließlich ziehen sie einen Korkenzieher unter dem Ladentisch hervor. Den verkaufen sie dir aber nicht. Der gehört ihnen. No Bus! Keine Chance.

In der Stadt des Glücks gibt es keine Bild-Zeitung. Das ist wirklich wahr, wir schwören es, Kerstin und ich. Außerdem vermuten wir da einen Zusammenhang. Es führt jedenfalls dazu, dass wir nichts von vielem mitbekommen, was so geschieht. Stattdessen sitzen wir im Café oder am Strand. Wenn wir dessen überdrüssig sind, gehen wir in unsere Lieblingsbar und trinken Kamenitza-Bier und Schnaps, bis wir den Hals voll haben. So lässt sich unsere Unterkunft ganz gut ertragen. Schön ist sie, die Stadt des Glücks.

Immer noch kein Korkenzieher. Ich kaufe auf dem Basar ein Taschenmesser. Der 8jährige Verkäufer am Messer- und Waffenstand spricht von Qualität. Ich will nur die Flasche öffnen. Als ich dazu am Taschenmesser ziehe, spult sich die Korkenzieherspirale ab und wird zu einem langen dünnen Draht. Dann bricht sie ab. Schließlich leihen uns Einheimische ihren Korkenzieher. Damit gelingt es, unsere Flasche zu öffnen. Dann bricht er durch.

Bevor wir zurück nach Deutschland können, müssen wir wieder nach Norden. Zwei Männer mit Calvin-Klein-Gürteln, die wir im Café beim Frühstück für Angehörige der Russen-Mafia gehalten und mit finsteren Blicken bedacht haben, offenbaren sich als unsere Busfahrer. Wir sind ihre einzigen Gäste. Dennoch bringen sie uns nach Burgas.

Hier beziehen wir Quartier bei einer sehr alten Frau, die mir bis zum Knie reicht und einen Buckel hat. Sie demonstriert uns pantomimisch, wie man Türen auf- und zuschließt, eine Toilette spült und weitere nützliche Dinge. Wir glauben, dass sie uns verkuppeln will, denn sie zeigt auch immerzu auf unsere Betten und sagt: "Amore, amore!"
Leider sind wir aber erschöpft von der langen Busfahrt, deshalb schicken wir sie raus und halten Mittagsschlaf.

An unserem letzten Tag entdecken wir ein Geschäft, das Korkenzieher führt. Eine Offenbarung. Draußen hängt ein Schild: "Tchibo – jede Woche eine neue Welt"

Beitrag am 02.08.2005 um 8:50 von Rüdiger:

Bulgarien I

Wir sind also aus Bulgarien zurückgekommen. Das war nicht ganz selbstverständlich. Obwohl - Bulgarien ist ja nun ein ganz normales Urlaubsland wie jedes andere auch. Wenn da nur nicht diese kleinen Unterschiede wären. Also: Wenn sie ja meinen, schütteln Bulgaren den Kopf. Sagen sie nein, bekräftigen sie dies durch freudiges Nicken. Damit fängt´s erstmal an.

Kerstin und ich waren für 14 Tage unten. Es war warm und überhaupt: am Meer. Schön war´s und wir sind ja so braun geworden. Gebucht hatten wir einen Neckermann Jokerflug. Der ist sehr billig und man sitzt in einer Chartermaschine zusammen mit vielen Leuten in oft bunten Hemden, die nach der Landung von lächelnden Neckermann-Stewards zu Reisebussen gebracht und weggefahren werden. Danach ist es am Flughafen leer und man ist allein. Ausgedörrte Büsche wehen durchs Bild. Unser Flug ging abends, und als alle weg waren, gings auf halb 12 Uhr in der Nacht. Es muss deshalb so gegen halb zwei gewesen sein, als wir ein Quartier gefunden hatten und mit dem Erholen loslegen konnten.

Bulgaren sind sehr herzliche und freundliche Leute, weiß unser Reiseratgeber. Allerdings sind sie auch sehr schüchtern. Wenn man sich nicht kennt, sehen sie deshalb keinen Grund, herzlich und freundlich zu sein. Leider ist der einzige Bulgare, der Kerstin und mich kennt, derzeit in Münster und arbeitet. Außerdem ist er eine Bulgarin, was aber egal ist, denn in Bulgarien ist die Gleichberechtigung lange durchgesetzt, sagt unser Reiseratgeber. Deshalb laufen auch alle Bulgarinnen fast nackt auf der Straße herum, vermuten wir. Davon gibt es leider kein Foto.

Nach und nach lernen uns dann aber doch einige Bulgaren kennen. Dass es etwas dauert ist auch unsere Schuld. Ich gebe es zu: Zu diesem Zeitpunkt sprechen weder Kerstin noch ich auch nur ein Wort Bulgarisch. Ausgenommen eines, das aber gleichzeitig russisch ist: Da! (Ja, Kopf schütteln!) Mittlerweile können wir: Sladoled (Eis); Rakija (Schnaps); Bierra (Bier); Palatschinki (die Palatschinken); Schopska (Salat mit Schafskäse); Merci oder Blagodarja (Danke); Leka Noscht (Gute Nacht). Ich vermute, dass dies eine typische Urlaubswörterliste ist. Wenn wir die Toten Hosen wären, könnten wir damit bereits bulgarische Lieder schreiben.

Wie die Toten Hosen auch, trinken Bulgaren sehr viel Schnaps. Sie trinken so viel davon, dass sie ihn zwischendurch mit sehr fettigem Essen herunterspülen müssen. Sie haben sogar schon die Bezeichnungen geändert: Wenn man in Bulgarien einen kleinen Schnaps bestellt, bekommt man anderthalb doppelte Schnäpse serviert. Das ist doch Schönrednerei! Zur Strafe werden sie nie betrunken. Sie gehen einfach irgendwann weg und sind fertig mit dem Abend. Und schon am nächsten Vormittag sitzen sie wieder in der Gegend und trinken Bier, zumindest wenn sie im Urlaub sind.

Wir haben einen weiteren bulgarischen Satz gelernt. Er heißt: "No Bus!" Und bedeutet, frei übersetzt: "Ja, sie sind hier richtig an der Bushaltestelle und es wird auch in wenigen Minunten ein Bus kommen, der Sie für billig Geld zum gewünschten Zielort bringt. Alternativ könnten Sie, wenn Sie es gerne komfortabel und etwas teuer wünschen, auch mein Taxi benutzen. Es wäre mir eine Ehre, Sie zu fahren. Bitte steigen Sie ein."

Fortsetzung folgt...

Beitrag am 06.06.2005 um 10:15 von Rüdiger:

Pauls Tomate

Seit einiger Zeit ist Paul Eigentümer einer Tomatenpflanze. Sie ist zu nahezu 90 Prozent grün und wird dereinst pralle, rote Früchte tragen. Darüber hinaus wurzelt sie in schwarzer Muttererde und zeigt seit einiger Zeit spaßige Blüten in Gelb. Alles in allem weiß Pauls Tomate also nicht so recht, wo sie politisch hinwill.

Zum Ausgleich weiß Paul nicht, wo er mit der Tomate hinwill. So streng er in seiner politischen Gesinnung ist, so unklar ist sein Kurs in Tomatenfragen. Aus diesem Grund ist seit einigen Wochen Kerstin die Halterin von Pauls Tomate. Diese Halterschaft begann im selben Moment wie Pauls Bestitztum auf einem Markt in Krefeld-Hüls. Begründet wurde sie mit einem Verweis auf infrastrukturelle Standortvorteile. Außerdem ist die Einfuhr von Tomatenpflanzen in unsere Wohnung politisch nahezu ungeregelt. Es herrscht hier Kerstins unsichtbare Hand.

Neulich verkündete der Bundeskanzler im Anschluss an die Bekanntgabe niederschmetternder Wahlergebnisse die Absicht, noch in diesem Herbst Neuwahlen herbeizuführen. Seit diesem politischen Donnerschlag drängt Pauls Tomtate mit großer Geschwindigkeit einen alternativen Hauptarm neben ihrem eigentlichen Zentraltrieb heraus. Beide Triebe sind mittlerweile gleich stark. In einem von ihnen vermute ich die Achse des Bösen.

Trotzdem bin ich tolerant. Seit dem Augenblick ihrer Paulswerdung ist diese Tomate eine Asylantin. Deshalb bekommt sie täglich hygienisch einwandfreies Wasser und sehr viel Sonne. Kerstin pflegt sie liebevoll.

In einem Interview der Zeit sagte Edmund Stoiber, er beabsichtige mit seiner Politik, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Deutschland Weltmeister würde. Er sagte nicht in was. Vielleicht liegt es daran, dass er seine Wahlkampfsätze jetzt ein Jahr eher sagen muss. Falls es darum geht: In Wachstumsfragen ist Pauls Tomate gar nicht schlecht. Sie hat in ihrem kreisrunden Terracotta-Topf ganz klare Rahmenbedingungen. Und ein klares Konzept: wuchern. Soweit ich aber informiert bin, sind in Tomatenfragen Holländer die Weltmeister. Das erleichtert mich irgendwie.

Mach dich auf was gefasst, Paul. Wir haben deine Tomate lieb gewonnen. Vielleicht geben wir sie nicht mehr her! Bei dir ist eh keine Sonne. Vielleicht musst du im Sommer einfach herkommen und mit uns Tomatensalat essen.

Beitrag am 23.05.2005 um 9:45 von Rüdiger:

Digitalkameras

Letztes Wochenende bin ich, auf einer höchst alltäglichen Partybank sitzend, im selben Augenblick von mindestens vier Personen gleichzeitg fotografiert worden. Dieses Erlebnis hat mich daran erinnert, dass ich schon längst einmal eine messerscharfe Zeitgeistkolumne über ein omnipräsentes Ärgernis schreiben wollte: Die Digitalkamera. Vielleicht habe ich das aber zu lange hinausgeschoben, denn es kommt mir so vor, als sei alles, was ich dazu schreiben könnte, schon sehr lange jedem eindeutig klar. Bis auf eines vielleicht: Ist es nicht so, dass die Indoor-Sonnenbrille - vorher nur bei echten Stars gelitten - ungefähr zu derselben Zeit populär wurde wie die immerzu überall blitzende Digicam?

Nach einigem Nachdenken ist mir jetzt eingefallen, dass ich bereits etwas über Digitalkameras geschrieben habe, als das Problem noch deutlicher, weil: neuer und ungewohnter war. Damals habe ich mich zu dem Ausruf verstiegen: Mein Gesicht gehört mir! Das ist mir heute peinlich. Schließlich ist es eindeutig zu spät für solche Agitationen. Ich will nicht wissen, wie viele Fotos es mit meinem Gesicht gibt, die auf Knopfdruck weltweit zu vervielfältigen wären. In einer Stunde könnte ich auf jedem Fernsehschirm zu sehen sein. Bis spätestens übermorgen könnten in jeder Metropole Großplakate mit mir auf einer Partybank hängen. Wenn das jemand wollte.

Ich habe jetzt den Text gefunden, den ich damals geschrieben habe. Damals ist weniger als fünf Jahre her. (Auch das ein Phänomen der Zeit). Ich zitiere mich selbst: Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Was nichts wert ist, kann jeder haben und hat es dann auch. Er hat es so umfassend, daß am Ende niemand mehr da ist, der noch Freude daran empfinden kann. Bis auf einige wenige Unbelehrbare. Die wiederum haben es exzessiv und schamlos, unbeirrt und sinnentleert, sie haben es, um es zu haben. Oder sie tun es, um es zu tun. Die Wirklichkeit kennt häßliche Beispiele dafür. Eines heißt: digitale Photographie.

Mir ist jetzt auch wieder eingefallen, warum ich den Text damals niemandem gezeigt habe. Also, mein Gedanke war: Ein Foto war wertvoll, oft ein unwiederbringliches Unikat. Man stellte sie sparsam und oft mit Sorgfalt her und ging vorsichtig damit um. Ein Digitalfoto ist ein Furz im Cyberspace: Sein Produzent ist kurz beglückt, alle anderen rümpfen die Nase. Und dann interessiert sich niemand mehr dafür. Oder auch: Die Belästigungen, die bei der Herstellung eines Digitalfotos für die abgebildeten Personen entstehen (auch wenn sie Sonnenbrillen tragen), übersteigen seinen Gegenwert bei weitem. Im besten Fall wird es ins Netz gestellt oder weggebrannt. Im schlimmsten beides.

Seit vorgestern ist Kerstin im Besitz einer Digitalkamera. Während ich dies schreibe, laufe ich Gefahr, mehrfach fotografiert zu werden. Und dann mach ich einfach mit. Ab heute stellen wir Bilder ins Netz. Wer sie ansieht ist selber schuld. Einen Brenner haben wir auch schon. Und Sonnenbrillen. Wenigstens sitze ich nicht schon wieder auf einer Partybank.

Beitrag am 07.03.2005 um 12:45 von Rüdiger:

Heino und Hannelore

Am Wochenende waren wir rodeln. Ich habe das seit zwanzig Jahren nicht gemacht und es war ganz wundervoll. Nebenbei habe ich viele neue Erkenntnisse gewonnen und – wenn man das hinzufügen darf: ein Stück Kirschkuchen mit Sahne sowie eine Currywurst nebst Pommes frites und Mayonnaise verzehrt. Das war lecker, klar.

Die erste Erkenntnis lautet: Ich bin nicht mehr neun. Mit neun friert man nämlich beim Rodeln nicht, und wenn man bis zum Hals im Schnee feststeckt. Mit neunundzwanzig bis dreißig ist das anders. Kann man sich ja denken, klar.

Erkenntnis Numero zwo: Nasse Füße und Beine können derartig kalt werden, dafür hat noch niemand Worte erfunden. Üblicherweise liest man in diesem Zusammenhang von einem Gefühl, das verloren bis verlustig geht. Und, im selben Zusammenhang, nur etwas später, meistens auch von Lebensgeistern, die irgend etwas machen. Oft wird es dann schnell dunkel bis neblig, klar.

Weil wir in Bad Münstereifel rodeln waren, haben wir nachher im Café auch Hannelore getroffen. Sie schenkte uns ein essbares Konterfei von Heino aus Weingummi. Irgendwie ging Sie davon aus, dass wir so etwas schon immer gerne gehabt hätten. Ich denke aber mal, dass Sie vergünstigt drankommt, so unaufgeregt hat Sie die Dinger an uns verteilt. Zack, zack, zack, zack, jeder eins – und hier noch ein Bild mit Unterschrift. Heino haben wir nicht in echt gesehen, es sei denn, er war in Wahrheit Hannelore. Die sah nämlich so aus: Blond und mit Brille, klar.

Erkenntnis drei: Verstauchungen, Prellungen, Dehnungen und Zerrungen soll man gut kühlen. Das ist keine reine Erkenntnis des vergangenen Samstags, sondern ein Konglomerat: Zum Teil entstammt das Wissen der Beschriftung einer Tube Sportsalbe. Verbürgen kann ich mich nur dafür: Was man bekommt, wenn einem das Schienenbein im Hinuntersausen einer hartbuckeligen Piste quer zur Fahrtrichtung im Kniegelenk verdreht wird, fühlt sich eigentlich ganz harmlos an, solange man es gut kühlt. Genau so lange, klar?

Heino.de
Beitrag am 30.01.2005 um 18:31 von Rüdiger:
Ab heute schreibe ich fürs Internet. Das macht Spaß und liegt wohl im Trend. Ob es mir auch liegt, wird sich herausstellen. Noch hab ich nämlich mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen.

Die erste Schwierigkeit: Es ist Sonntag. Sonntage sind geeignet, Kuchen zu essen, Spaziergänge zu machen, Computer zu spielen, Kerstin zu knutschen oder auch Tatort zu gucken. Derweil ich dies hier schreibe, esse ich also Kuchen, denn draußen kann ich nicht schreiben, beim Spielen schon gar nicht, Kerstin hat einen Krimi und der Tatort kommt erst später.

Stopp. Die zweite Schwierigkeit. Man kann sie schon spüren. Am besten ist sie mit folgender Frage beschrieben: Was, verdammt, soll ich eigentlich schreiben?

Paul hat´s gut. Paul ist ein lustiger Vogel aus Köln-Sülz. Manchmal trägt er Hawaii-Hemden. Und Paul weiß, was man schreiben soll. Wer sich davon überzeugen möchte, kann dies in Pauls Content-Bereich machen. In der Paul-Ecke. Besser noch, zumindest derzeit noch, kann er dies auch auf einer von Pauls anderen Websites machen. Einige davon wurden nachweislich schon aus Frankreich angelaufen, wenn einige Menschen dort sich unterhalten lassen wollten. Wie man hört, haben sogar schon Japaner eine von Pauls Websites aufgerufen. Und die müssen es ja schließlich wissen. Ich bezweifle allerdings, dass Japaner oder Menschen aus Frankreich auch mich aufrufen würden, wenn ich versuchte, über die Dinge zu schreiben, über die Paul schreibt. Das wird also nix.

Wenn ich eine Frau wäre, würde ich über Sex schreiben, wie Carrie Bradshaw. Das kommt mir ganz in Ordnung vor: Frauen, die über Sex schreiben. So als würde ich über Subway-Sandwichs schreiben (Unterirdisch, sagt Paul). Vielleicht sollte ich der Frage nachgehen, warum das Verhältnis einer schreibenden Frau zum Sex ähnlich meinem zu Subway-Sandwichs ist? Und zack: Klischee-Ecke. Da will ich nicht hin, noch weniger als in die Paul-Ecke. Ich nehm also alles wieder zurück. Das mit dem Sex und das mit dem Sandwich und überhaupt alles. Und das hab ich jetzt davon: Der Kuchen ist alle und ich bin wieder am Anfang. Wenigstens kommt gleich Tatort.

Paul, kannst du mir vielleicht verraten, wie ich diese Klamotten in die Rüdiger-Ecke kriege? Ist ja viel zu lang alles für die Startseite.
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