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Rüdigers Reportagen
Beitrag am 26.02.2006 um 12:45 von Rüdiger:

Winterreifen im Siebengebirge

Südlich von Bonn am Rhein liegt das Siebengebirge. Bei denen dort oben herrscht die Gemütlichkeit. Was Kerstin aus Afrika berichtet, trifft zum Teil auch auf das Siebengebirge zu. Und damit meine ich nicht das Wetter.

Vor einigen Wochen habe ich Winterreifen bekommen. Mein Arbeitskollege Timo hat nach langen Recherchen ein Unternehmen ermittelt, dass günstig Winterreifen verkauft und aufzieht. Er hat sogar für uns bestellt, besondere Reifen, hohe Qualität zu niedrigem Preis. Als sie da sind, macht Timo einen Montagetermin aus: Freitag, 16 Uhr. Wir werden früher Schluss machen und mit Winterreifen ins Wochenende fahren. Was für ein Tag!

Winterreifen Um halb vier fahren wir los. Die Reifenfirma liegt im Siebengebirge. Man erreicht sie über Serpentinen für die man selbst im Sommer Winterreifen aufziehen sollte. Der erste Schnee dieses Jahres erwartet uns auf dem Parkplatz vor der Werkstatt. Freudig gleiten wir mit unseren Kleinwagen in die Parklücken und stellen uns vor, wie auf Schienen von hier wieder wegzufahren.

Drinnen ist es verraucht. Einen Tisch bedecken sehr viele Zeitschriften, etwa 6 Männer mit traurigen Gesichtsausdrücken sitzen um ihn herum auf Campingstühlen. Mehrere Schreibtische trennen einen Mitarbeiterbereich von der Wartezone ab. Über einem dieser Schreibtische hängt eine riesige aufblasbare Wurst. Dahinter befindet sich eine alte Frau. Eine jüngere sitzt ganz im Hintergrund, durch einen Glaskasten von der offenen Mitarbeiterzone getrennt. Vermutlich macht sie Buchhaltung oder Pause. Jetzt erkenne ich: die Wurst stellt ein Sportstoßdämpfer der Firma Monroe dar.

Wir wagen keine Bewegung und keinen Laut. Ich denke an das quietschende Windrad in der Anfangsszene von "Spiel mir das Lied vom Tod". Die Wurst quietscht aber nicht. Ein alter Mann sitzt auf der Kundenseite vor dem Schreibtisch der alten Frau. Er hat keinen Termin. Die alte Frau sagt, er könne warten: "Setz disch jet hin, in d'r Zeitung sin lecker Mädche!"

Er geht in eine andere Ecke des Raumes an einen Stehtisch und zieht sich einen Kaffee aus dem Automaten dort. Leider nimmt er keine Zeitung. Weil von uns immer noch keiner Notiz genommen hat, machen wir uns bemerkbar und verweisen auf unseren Termin. Für uns kommt sogar die junge Frau aus dem Glaskasten hevor, schreibt etwas auf einen Zettel und trägt ihn sofort in die Werkstatt. Niemand empfiehlt uns die Zeitungen. Wir haben Termine!

Nach etwa zwanzig Minuten macht Timo sich Sorgen, wir könnten vielleicht nur als eine Person oder eben nur ein Auto in das Wartesystem des Unternehmens eingegangen sein. Timo ist Physiker. Timo hat Recht. Die junge Frau kommt erneut, schreibt nun zwei Zettel und trägt sie in die Werkstatt.

Eine Stunde später habe ich das Wartesystem verstanden. Es funktioniert wie folgt: Der Tisch mit den Campingstühlen und Zeitungen ist die Wartezone für Kunden mit Termin. Der Stehtisch gebührt einer Unterklasse ohne. Außerdem gibt es ein Brett mit Autoschlüsseln. Die gehören Kunden, die ihren Wagen am Vortag abgegeben haben. Wenn sie kommen, um die Autos zu holen, werden sie an den Tisch mit den Campingstühlen gebeten, ihr Auto wird rasch in die Garage gefahren und die Winterreifen montiert. Das Brett mit den Schlüsseln ist sehr groß. Der Mann ohne Termin trinkt einen Kaffee. Er sagt, er kenne eine Werkstatt, da ginge das: zack, zack!

17.40 Uhr. Timo und ich blättern in der "Neue Post". Wir haben keine Mädchen entdeckt. Dafür investigativen Journalismus vom Feinsten: Günter Jauch plant eine Show mit Verona, ehemalige Feldbusch. "Geheimsache", steht über dem Bericht. Aber die "Neue Post" ist ihnen drauf gekommen, den Gschaftlhubern.

Ich trau mich nicht, einen Kaffee zu ziehen, weil es keine Kundentoilette gibt. Ich hätte Bedarf nach beidem. Ein Fremder mit bestickerter Lederjacke, Timo und ich sind in die Oberklasse aufgestiegen: Die mit den 16 Uhr Terminen. Vor uns kommt niemand mehr - außer natürlich den Leuten, deren Schlüssel auf dem Brett liegen. Hin und wieder kommt noch jemand rein, erhält eine Zeitung, und sein Wagen wird in die Garage gefahren. Wir 16 Uhrler haben uns zusammengerottet und lästern leise. Ein 16.30er macht ein mürrisches Gesicht und verweist auf seinen Termin. Wir lächeln. Der Mann ohne Termin trinkt einen Kaffee.

Rüdiger kauft Winterreifen 18.00 Uhr. Timo ist tatsächlich dran. Wir sind sehr aufgeregt. Als dann überraschend eine zweite Hebebühne frei wird, will ich aufspringen. Man hält mich zurück und erklärt mir, ich sei dran, sobald Timos Wagen fertig sei. Schließlich gehörten wir ja zusammen.

Endlich ist es soweit. Ich fahre auf die Bühne. Mein Monteur sieht auf den Laufzettel, den man mir noch schnell ausgedruckt hat - der Zettel von grade ist in der Werkstatt verloren gegangen. Ein sehr großer zweiter Monteur kommt aus dem Hintergrund und sagt mit lauter Stimme: "Pirelli!" Ich mache freundlich darauf aufmerksam, dass meine Reifen bestellt seien: gute Qualität, niedriger Preis, Eskimo hießen sie, jawohl. Mein Monteur scheint das zu akzeptieren, zeigt sogar auf den Zettel, doch der Große ruft, "Pirelli", in einem Ton der mir klar macht, was hier von beschriebenem Papier gehalten wird.

Wie werdende Väter stehen der Fremde und ich an der Glasscheibe zur Werkstatt und recken die Hälse. Der Fremde wispert mir zu, unten, in Bonn gäbe es eine Werkstatt, da ginge das: zack, zack! Timo ist draußen. Ich habe ihm von meinen Pirellis erzählt, jetzt will er nachsehen, ob er auch andere Reifen bekommen hat. Der Mann ohne Termin trinkt einen Kaffee. Timo hat die falschen Reifen. Die Alte hinter der Theke muss nachfragen.

19.30 Uhr. Wir sind fertig. Wir haben die falschen Reifen. Meine sind immerhin von Pirelli. Timo kennt seine Marke nicht. Man hat uns versichert, sie seien auch teuerer als die urprünglich bestellten. Wir fahren los, und vorsichtig beginnt es zu schneien. Wie man weiß, ist Rom auf sieben Hügeln erbaut worden. Sie liegen nicht am Rhein, soviel ist klar.

Beitrag am 14.11.2005 von Rüdiger:

Auf und Ab des Strohwitwers

Jetzt, wo Kerstin in Afrika arbeitet, ist es hier zuhause sehr langweilig und blöd. Ich sitze auf dem Sofa herum und werde jeden Abend einige Gramm schwerer. Reziprok dazu wird Kerstin in Afrika immerzu schlanker, verwegener und attraktiver. Ich kann das fühlen. Und weil ich das fühlen kann, wird es noch schlimmer. Eine soziale Schere ist im Begriff, sich zu öffnen.

Man kommt auf Ideen in solchen Situationen, das kann ich wohl sagen. Zum Beispiel: immerzu telefonieren. Oder: sehr früh ins Bett gehen. Oder auch: Fotos angucken. Dies alles wirkt nur punktuell. Ich sitze also wieder auf dem Sofa und werde schwerer. So ist das. Bis mir ein Gedanke kommt.

Ich sitze auf dem Sofa, als das geschieht, und der Gedanke Gestalt findet: Sport. Ich müsste eigentlich Sport machen. Weiter komme ich nicht. Die Vorstellung, jetzt noch aus dem Haus zu gehen, ist mir widerlich. Es ist spät und kalt, ich habe gearbeitet. Dann jedoch sehe ich etwas in einer Ecke unserer Wohnung stehen, dass meine Vorstelllungskraft beflügelt. Ich erhebe mich vom Sofa. Musik erklingt. Ich weiß, was zu tun ist.

Es ist so, dass Kerstin vor vielen, vielen Wochen (wir waren gerade auf Besuch in Münster) einen Stepper in unser Auto geladen und dann in jene Ecke unserer Wohnung gestellt hat. Ein Stepper ist ein kleiner stählerner Klappmechnismus mit zwei beweglichen Anti-Rutsch-Trittflächen auf hydraulischen Kolben. Tritt man eine dieser Flächen herunter, zieht ein Stahlseil die andere - und den darauf befindlichen Fuß - nach oben. Das Seil läuft über eine Plastikrolle auf der Unterseite und ist rechts und links mit bleistiftdicken Bolzen an den Trittflächen befestigt. Den Trittflächen, die ich nun besteige.

ein handelsüblicher Stepper

Zunächst steppere ich unschlüssig nur einige wenige Schritte und springe lässig wieder ab. Doch dann werfe ich einen letzten Blick auf das Sofa, rücke entschlossen den Stepper frontal vor den Fernseher, erobere seine Anti-Rutsch-Flächen erneut und lege los. Oh ja! Ich treibe Sport. Ich steppere. Ich bin Jane Fonda.

Schnell lerne ich die wichtigsten Regeln. Keine Pausen machen. Immer mindestens eine halbe Stunde durchhalten. Nicht mit den Trittlflächen auf den Boden kommen. Solche Sachen. Nach einigen Wochen kaufe ich eine Tube Kugellagerfett, um das rhythmische und missverständliche Quietschen zu vermeiden. Auch das gelingt. Oh Mann. Ich bin wirklich schon fast ein Athlet. Eines Tages höre ich nach gerade 18 Minuten Stepperns ein klingendes Geräusch wie von einer fallenden Münze. Die rechte Trittfläche sinkt mit einem erleichterten Pffft-Geräusch nach unten. Stille.

Ein Schwachpunkt vieler Stepper ist die Aufhängung des Stahlseils, das für die gegenläufige Bewegung der Trittflächen verantwortlich ist. Eine Stahl-Öse, scheuernd und quietschend über einem eisernen Bolzen. Dieser Bolzen, der soeben entzwei gegangen ist, hat den besonderen Nachteil, fest verschweißt und mithin nicht austauschbar zu sein. Eine Katastrophe! Zumal, Freitagabend. Das Wochenende steht bevor. Hochsaison für meinen gewesenen Stepper. Nun das. Ich sehe mich auf dem Sofa, den Telefonhörer und Fotos in der Hand. Schwerer werdend.

Allein gehe ich in die Stadt, es ist Samstag. Ich besuche mehrere Sportabteilungen großer Kaufhäuser. Ich lasse mich beraten. Es gibt Stepper mit einem kleinen Computer drauf, der die Schritte zählt und Kalorien anzeigt. Ein Verkäufer nimmt mich zur Seite, sieht sich gehetzt um und spricht: "Das ist natürlich Quatsch. Für die Frauen. Das Ding hat ja keine Daten über den Benutzer. Nur fürs Gewissen. Braucht keiner. Lassen Sie das weg, kostet nur Geld."

Nach mehreren Beratungsgesprächen kaufe ich mir eine große Pommes Spezial und hänge futternd in der Fußgängerzone herum. Der normale Stepper ist beinahe out. Side-Stepper sind im Kommen. Ergonomischer, kreisender Bewegungsablauf: Der ganze Körper eiert hin und her. Mann, die Pommes sind gut. Ich fürchte, ich bin in einen Frust- und Belohnungskreislauf geraten.

Stabilität zählt für mich. Um mich nicht klar ausdrücken zu müssen, habe ich mir angewöhnt, von "zwei Personen" zu sprechen, die "das Gerät" benutzen möchten. Einer der Berater hat mir das so in den Mund gelegt. Nein, kein Computer bitte. Ich finde schließlich einen Stepper, der zu mir passt und schleppe ihn nach Hause.

Dieses ist ein großer Abend! Ich habe heute nicht nur den Stepper gekauft, sondern zudem noch einen digitalen Sat-Reciever, der mir an die 200 Fernsehkanäle liefert. Alles schon installiert. Tolle Sache, Tip von Paul. Jetzt steh ich auf den Anti-Rutsch-Flächen und halte meine neue Fernbedienung. Und los geht's. Nach zehn Minuten macht es Pfft. Erschrocken springe ich ab und drehe den heißgelaufenen Käfer auf den Rücken. Seine Umlenkrolle ist geschmolzen. Totalschaden.

Montag. Ein nahezu stepperloses Wochenende liegt hinter mir. Vermutlich bin ich schwerer geworden. Das Tragen des Steppers strengt mich jedenfalls mehr an als am Samstag. Der Verkäufer - ich kenne ihn noch nicht - wirft einen Blick auf die geschmolzene Umlenkrolle. Dann sieht er mich an und fragt mit einem osteuropäischen Akzent: "Sie trainieren Sie darauf?" Ich bin auf diese Frage vorbereitet, habe mir vorgenommen, zu lügen. Aber es gelingt nicht. "Hmmmja", mache ich und nicke. "Dann es gibt Geld zurück!", sagt er entschlossen. Ein zweiter Verkäufer springt helfend bei: "Haben Sie eigentlich schon ihre Hundert Kilo?" Mein osteuropäischer Kumpel und ich ignorieren ihn. So ein Spießer. Mein Freund legt mir nun sogar seinen Arm auf die Schulter und sagt in vertraulichem Ton: "Wissen Sie, Geräte taugen nicht zum Training. Werden hergestellt: für Frauen. Für gutes Gewissen."

An der Kasse erhalte ich mein Geld zurück. Davon kaufe ich in einem anderen Geschäft einen neuen Stepper von einer anderen Marke. Selbstbewußt fragt ich den Verkäufer: "Kann ich darauf trainieren?" - "Klar", sagt der, und ich glaube ihm. Mein neuer Stepper hält seit drei Wochen, ich schmiere ihn regelmäßig mit Kugellagerfett. Ende März kommt Kerstin wieder. Doch ein leichtes Trauma ist geblieben: Bei jedem Schritte fürchte ich - dieses Pffft.

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