Winterreifen im Siebengebirge
Südlich von Bonn am Rhein liegt das Siebengebirge. Bei denen dort oben herrscht die Gemütlichkeit. Was Kerstin aus Afrika berichtet, trifft zum Teil auch auf das Siebengebirge zu. Und damit meine ich nicht das Wetter.
Vor einigen Wochen habe ich Winterreifen bekommen. Mein Arbeitskollege Timo hat nach langen Recherchen ein Unternehmen ermittelt, dass günstig Winterreifen verkauft und aufzieht. Er hat sogar für uns bestellt, besondere Reifen, hohe Qualität zu niedrigem Preis. Als sie da sind, macht Timo einen Montagetermin aus: Freitag, 16 Uhr. Wir werden früher Schluss machen und mit Winterreifen ins Wochenende fahren. Was für ein Tag!
Um halb vier fahren wir los. Die Reifenfirma liegt im Siebengebirge. Man erreicht sie über Serpentinen für die man selbst im Sommer Winterreifen aufziehen sollte. Der erste Schnee dieses Jahres erwartet uns auf dem Parkplatz vor der Werkstatt. Freudig gleiten wir mit unseren Kleinwagen in die Parklücken und stellen uns vor, wie auf Schienen von hier wieder wegzufahren.
Drinnen ist es verraucht. Einen Tisch bedecken sehr viele Zeitschriften, etwa 6 Männer mit traurigen Gesichtsausdrücken sitzen um ihn herum auf Campingstühlen. Mehrere Schreibtische trennen einen Mitarbeiterbereich von der Wartezone ab. Über einem dieser Schreibtische hängt eine riesige aufblasbare Wurst. Dahinter befindet sich eine alte Frau. Eine jüngere sitzt ganz im Hintergrund, durch einen Glaskasten von der offenen Mitarbeiterzone getrennt. Vermutlich macht sie Buchhaltung oder Pause. Jetzt erkenne ich: die Wurst stellt ein Sportstoßdämpfer der Firma Monroe dar.
Wir wagen keine Bewegung und keinen Laut. Ich denke an das quietschende Windrad in der Anfangsszene von "Spiel mir das Lied vom Tod". Die Wurst quietscht aber nicht. Ein alter Mann sitzt auf der Kundenseite vor dem Schreibtisch der alten Frau. Er hat keinen Termin. Die alte Frau sagt, er könne warten: "Setz disch jet hin, in d'r Zeitung sin lecker Mädche!"
Er geht in eine andere Ecke des Raumes an einen Stehtisch und zieht sich einen Kaffee aus dem Automaten dort. Leider nimmt er keine Zeitung. Weil von uns immer noch keiner Notiz genommen hat, machen wir uns bemerkbar und verweisen auf unseren Termin. Für uns kommt sogar die junge Frau aus dem Glaskasten hevor, schreibt etwas auf einen Zettel und trägt ihn sofort in die Werkstatt. Niemand empfiehlt uns die Zeitungen. Wir haben Termine!
Nach etwa zwanzig Minuten macht Timo sich Sorgen, wir könnten vielleicht nur als eine Person oder eben nur ein Auto in das Wartesystem des Unternehmens eingegangen sein. Timo ist Physiker. Timo hat Recht. Die junge Frau kommt erneut, schreibt nun zwei Zettel und trägt sie in die Werkstatt.
Eine Stunde später habe ich das Wartesystem verstanden. Es funktioniert wie folgt: Der Tisch mit den Campingstühlen und Zeitungen ist die Wartezone für Kunden mit Termin. Der Stehtisch gebührt einer Unterklasse ohne. Außerdem gibt es ein Brett mit Autoschlüsseln. Die gehören Kunden, die ihren Wagen am Vortag abgegeben haben. Wenn sie kommen, um die Autos zu holen, werden sie an den Tisch mit den Campingstühlen gebeten, ihr Auto wird rasch in die Garage gefahren und die Winterreifen montiert. Das Brett mit den Schlüsseln ist sehr groß. Der Mann ohne Termin trinkt einen Kaffee. Er sagt, er kenne eine Werkstatt, da ginge das: zack, zack!
17.40 Uhr. Timo und ich blättern in der "Neue Post". Wir haben keine Mädchen entdeckt. Dafür investigativen Journalismus vom Feinsten: Günter Jauch plant eine Show mit Verona, ehemalige Feldbusch. "Geheimsache", steht über dem Bericht. Aber die "Neue Post" ist ihnen drauf gekommen, den Gschaftlhubern.
Ich trau mich nicht, einen Kaffee zu ziehen, weil es keine Kundentoilette gibt. Ich hätte Bedarf nach beidem. Ein Fremder mit bestickerter Lederjacke, Timo und ich sind in die Oberklasse aufgestiegen: Die mit den 16 Uhr Terminen. Vor uns kommt niemand mehr - außer natürlich den Leuten, deren Schlüssel auf dem Brett liegen. Hin und wieder kommt noch jemand rein, erhält eine Zeitung, und sein Wagen wird in die Garage gefahren. Wir 16 Uhrler haben uns zusammengerottet und lästern leise. Ein 16.30er macht ein mürrisches Gesicht und verweist auf seinen Termin. Wir lächeln. Der Mann ohne Termin trinkt einen Kaffee.
18.00 Uhr. Timo ist tatsächlich dran. Wir sind sehr aufgeregt. Als dann überraschend eine zweite Hebebühne frei wird, will ich aufspringen. Man hält mich zurück und erklärt mir, ich sei dran, sobald Timos Wagen fertig sei. Schließlich gehörten wir ja zusammen.
Endlich ist es soweit. Ich fahre auf die Bühne. Mein Monteur sieht auf den Laufzettel, den man mir noch schnell ausgedruckt hat - der Zettel von grade ist in der Werkstatt verloren gegangen. Ein sehr großer zweiter Monteur kommt aus dem Hintergrund und sagt mit lauter Stimme: "Pirelli!" Ich mache freundlich darauf aufmerksam, dass meine Reifen bestellt seien: gute Qualität, niedriger Preis, Eskimo hießen sie, jawohl. Mein Monteur scheint das zu akzeptieren, zeigt sogar auf den Zettel, doch der Große ruft, "Pirelli", in einem Ton der mir klar macht, was hier von beschriebenem Papier gehalten wird.
Wie werdende Väter stehen der Fremde und ich an der Glasscheibe zur Werkstatt und recken die Hälse. Der Fremde wispert mir zu, unten, in Bonn gäbe es eine Werkstatt, da ginge das: zack, zack! Timo ist draußen. Ich habe ihm von meinen Pirellis erzählt, jetzt will er nachsehen, ob er auch andere Reifen bekommen hat. Der Mann ohne Termin trinkt einen Kaffee. Timo hat die falschen Reifen. Die Alte hinter der Theke muss nachfragen.
19.30 Uhr. Wir sind fertig. Wir haben die falschen Reifen. Meine sind immerhin von Pirelli. Timo kennt seine Marke nicht. Man hat uns versichert, sie seien auch teuerer als die urprünglich bestellten. Wir fahren los, und vorsichtig beginnt es zu schneien. Wie man weiß, ist Rom auf sieben Hügeln erbaut worden. Sie liegen nicht am Rhein, soviel ist klar.
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